Gedichte & Kurzprosa

Zeilen aus dem Leben

Kurze Gedichte und längere Kurzprosa.

Der Tag

Gedicht

jetzt ist er da der tag morgen ist er vorbei ich bin immer noch ich das zählt

Sprint

Gedicht

Kommando, den Steiß hoch, der Schuss —

Kollegen

Für Jürgen Conrads, September 2022

Mensch sein ist alles, was zählt

Eine Zahl für Regina

Gedicht

Ein Gedicht über Identität — und die Frage, ob eine Zahl je einen Menschen definieren kann.

Nachts auffem Fahrradweg

Was fürn Wort, auffem. So ähnlich wie zune, manchmal auch zuene, mit spezieller Betonung auf dem ersten e. Wers nicht versteht: da ist etwas geschlossen, zu eben. Ja, und auffem; da ist man eben drauf, auf dem Radweg oder wo auch immer. Aber darum geht's ja überhaupt nicht.

Es geht um das Gefühl – neudeutsch feeling – beim Laufen. Auf dem Radweg. Entlang der Enz. Es kann natürlich gerne auch ein anderer Fluss sein. Aber ich habe eben dieses feeling an der Enz. Besonders da. Jawoll. Und es muss Nacht sein. Also nicht so Nacht, wie damals der Wellington, als er auf den Blücher. Ne, so nicht. Schon anders.

Ja. Was wollte ich jetzt sagen? Also: ich laufe an der Enz, bei Nacht. Drei Elemente, wenn man mich dazu nimmt, sogar vier. Wenn ich ein Element bin. Habe ich noch nie drüber nachgedacht. Aber klar, könnte man ja. Egal. Es geht um das Gefühl. Wie soll ich das jetzt ausdrücken?

Fangen wir vielleicht ganz von vorne an. Ist sicher auch das Beste. Also: Training ist fertig, du bist gestiefelt und gespornt. Klingt ein bisschen seltsam, wenn man bloß Laufschuhe und Sportkleidung anhat. Hat aber was, so ein Ausdruck. Klingt ein wenig martialisch. Also, du bist startklar – also ich natürlich. Ich rede ja von mir, wie das bei dir ist, weiß ich ja nicht. Aber ich sag jetzt eben mal immer du. Und du sagst: tschüss denn, ich lauf noch ein paar Kilometer, will jemand mit? Will natürlich keiner, die sind ja fertig mit dem Training. Aber da geht's eben los, das Fühlen. Allein durch die Blicke. Da denkst du dir: die halten dich jetzt alle für bekloppt. Dass du hier in der Dunkelheit auf dem Radweg – noch klar, ne. Aber gleichzeitig denken die auch: Respekt. Der alte Sack läuft jetzt noch zehn Kilometer, und rennt sich dabei nichtmal die Birne ein. Und steckt das alles so locker weg, und ist noch nichtmal langsam dabei. Was weiß ich, was die alles denken. Aber das ganz bestimmt. Und da fängts einfach an, das Gefühl. Und das tut schonmal gut, richtig gut.

Und dann läufst du los. Über die Brücke, links rum, immer geradeaus. Zwei, drei Autos fahren vorbei. Nach dem Sportplatz von den Rugby-Jungs wechselst du quasi die Ebene. Nach den letzten Laternen. Nur noch der Radweg. Die paar Schlaglöcher und Unebenheiten kennst du im Schlaf. Oder eben im Dunkeln.

Es ist Wahnsinn, welche Sinne du entwickelst. Du läufst und läufst und weißt ganz genau, wann du auf die andere Seite wechseln musst, weil es auf der vorherigen Seite uneben wird. Oder so. Du kennst die Bodenwellen, die dunklen Stellen. Und das gibt dir auch so ein Gefühl. Ist es Überlegenheit? Ist es …?

Weiß nicht. Ich muss noch mehr beschreiben.

Da kommen die Übergänge im Nachbardorf, vorbei am Stadion. Die Kurven, wenn es richtig ins Gelände geht. Die Kühle der Nacht, die du dann richtig spürst. Wie du merkst, dass du nicht zu langsam werden solltest, um nicht auszukühlen. Und du merkst, dass du trotz deines Tempos vollkommen sicher läufst. Da hast Du das aus dem aussem Kopp, dass da ein Stein liegen könnte oder so. Egal, den kickst Du einfach weg, wenn da einer … Da bist Du schon drüber weg.

Du läufst nicht im Tunnel, sondern in einer Mischung aus Ortskenntnis und Sicherheit, Vertrauen Dir selbst gegenüber. Selbstsicherheit, Selbstvertrauen – das ist gut.

Da kommt die Holzbrücke, die immer einen so hübschen Klang macht. Der dunkle Weg mit dieser einen Bodenwelle, die du genau kennst und trotzdem nicht immer verorten kannst. Du kämpfst jedes Mal mit ihr – und gewinnst. Dann die Unterführung. Beine heben – das ist Garant Nummer eins, um nicht zu fallen. Du kommst Dir manchmal ein bisschen doof vor, wie einer auf Stelzen, aber egal – das gehört hier einfach dazu. Dann das zweite Dorf. Es beginnt immer ganz verhalten, ein Gebäude nach dem anderen kommt hinzu. Ganz vorne rechts feiern sie manchmal ein wenig, hundert Meter weiter liegt noch der Geruch vom Hähnchenwagen in der Luft. Dann der Kreisverkehr, den du wie immer regelwidrig überquerst.

Dann kommt die letzte Gerade, ordentlich beleuchtet. Danach die Wende auf dem oberen Weg. Der ist wieder dunkler und führt dich direkt ins Off. Du läufst wie in Trance. Unter der Bundesstraße durch, über die Enz hinweg. Da liegt wieder die weite Ebene, Flusslandschaft. Bei Tag treffe ich da häufig Reiher. Ob die auch bei Nacht da sind, so nahe am Weg?

Der Rückweg mit seinen Wechseln zwischen Licht und Dunkel. Alles vorhin schon gehabt, nur eben anders herum. Doch jetzt ist es noch ein wenig mehr Nacht.

Und du hast so total abgeschaltet. Die Sinne geschärft. Du hörst das Flügelschlagen von Motten, könntest durch Stahlplatten hindurchsehen. Du bist nicht müde.

Der ganze Tag bewältigt. Wer und was du bei Tage begegnet ist; alles verarbeitet. Alles nicht mehr so wichtig.

Hej, du läufst durch die Nacht. Das macht nicht jeder. Aber du. Weil du es kannst und willst. Weil du diesen Willen aufbringst, das Können kommt von alleine. Du machst das, weil du es kannst. Das kommt vom Kopf her, die Beine, der Körper: das sind nur Werkzeuge.

Da sind wir wieder beim Gefühl. Frag dich, was du die ganze Zeit gedacht hast. Du wirst es kaum sagen können. Frag dich, was für ein Gefühl du hattest, du wirst es nicht benennen können.

Aber du hast es, das Gefühl. Und das ist gut.

Kurzprosa, 30. August 2022